Botschaft Welttheatertag 2016 – Anatoli Wassiljew

Geschrieben von ÖBV Theater am in AKTUELL, Ausschreibungen International, Botschaft zum Welttheatertag

„Der Autor der diesjährigen Botschaft zum Welttheatertag ist der russische Theatermacher und Professor Anatoli Wassiljew. Er ist Gründer der legendären Moskauer Theaterschule „Schule der Dramatischen Kunst“, lehrte und lehrt am Staatlichen Konservatorium »A.V. Lunatscharski« (GITIS), an der staatlichen Filmhochschule (Gerassimow-Institut fürKinematographie) und an der École nationale supérieure des arts et techniques du théâtre (ENSATT) in Lyon.

Nach schweren Konflikten mit den Moskauer Behörden verließ Wassiljew 2006 die Moskauer Theaterschule und emigrierte nach Westeuropa. Er arbeitete in Paris, Lyon, London – und wurde drei Jahre später eingeladen, am Bolschoi Theater „Don Giovanni“ zu inszenieren.
2010 richtete Wassiljew in Venedig einen dreijährigen Studiengang für Theaterlehrer ein, der in jährlich stattfindenden zweimonatigen Kursen absolviert werden kann und von Schauspielern, Regisseuren, Ausbildern aus aller Welt besucht wird. 2011 hat er am Grotowski Institut in Wroclaw, Polen, ein zweijähriges Forschungsseminar zu Schauspieltechniken ins Leben gerufen. Aktuell, im März 2016, inszeniert Wassiljew Marguerite Duras‘ “La Musica Zwei” an der Comédie Française in Paris.“

Quelle: http://www.iti-germany.de/index.php?id=250

Braucht es Theater?
Fragen sich Tausende enttäuschter professioneller Theatermacher und Millionen theaterverdrossener Zuschauer.

Wozu brauchen wir es?
In Zeiten, in denen die Bühne so unbedeutend erscheint im Vergleich zu öffentlichen
Plätzen in Städten und in Staaten, die zum Schauplatz wirklicher Tragödien des echten
Lebens werden.

Was bedeutet es uns?
Vergoldete Ränge, samtbezogene Sessel, schmutzige Kulissen, angestrengte Stimmen
oder: schwarze Boxen, voller Dreck und Blut und zappelnder nackter Körper.

Was kann es uns sagen?
Alles!Theater kann alles sagen.
Wie Götter in den Wolken leben, wie Gefangene in Verliesen schmachten, wie Leidenschaft
erhebt, wie Liebe umbringt, wie der gute Mensch nicht gebraucht wird, wie Betrug regiert,
wie Menschen in Wohnungen leben und Kinder – in Flüchtlingslagern, über die Rückkehr in die
Wüste und den Abschied von den Liebsten, Theater kann von all dem erzählen.

Theater war und bleibt für immer. Und jetzt, in den folgenden fünfzig bis siebzig Jahren, ist es
besonders unverzichtbar.

Denn von allen öffentlichen Künsten geht nur das Theater von Mund zu Mund, von Auge zu
Auge, von Hand zu Hand, von Körper zu Körper.

Es benötigt keinen Vermittler zwischen Mensch und Mensch – es ist durchlässig wie das Licht,
kennt nicht Süden, Norden, Osten, Westen, wie der Erdball selbst leuchtet es in alle vier
Richtungen, unmittelbar erkennbar für Jeden, ob feindselig oder freundlich gesonnen.

Theater muss vielfältig sein.
Und in der reichen Vielfalt werden vor allem die archaischen Formen des Theaters gefragt sein.
Das Theater der rituellen Formen sollte nicht gegen das Theater zivilisierter Völker ausgespielt
werden. Die säkulare Kultur wird ausgehöhlt, „kulturelle Information“ tritt an den Platz der
Realität und unserer Auseinandersetzung mit ihr.

Theater ist offen. Der Eintritt frei.
Zum Teufel mit den Gadgets und Computern – geht ins Theater, besetzt die Reihen im Parterre
und in den Rängen, hört auf das Wort und schaut lebendige Bilder an – vor euch ist das Theater,
vernachlässigt es nicht und verpasst es nicht bei eurem hektischen Leben.

Theater braucht es in jeder Form.
Und nur ein Theater braucht es nicht: das Theater der politischen Spiele, das Theater der
politischen Mausefalle, das Theater der Politiker, das Theater der Politik. Das Theater des
täglichen individuellen und kollektiven Terrors, das Theater der Leichen und das Theater
des Blutes, auf den Plätzen und Straßen, in den Hauptstädten und in der Provinz, zwischen
Religionen und Ethnien.

Übersetzung aus dem Russischen: Irina Bondas und Mascha Pörzgen

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