„Theater durch den Stillstand bringen“

Veröffentlicht von Mona Egger-Grabher am in Blog


Gedanken zu Corona von Hildegard Reitberger, Theaterverband Tirol, Obfrau Stadttheater Kufstein: Corona hat unseren Alltag, das soziale aber vor allem das kulturelle Leben zeitweise zum Stillstand gebracht. Unzählige Theaterstücke wurden nicht einstudiert, nicht gespielt, nicht besucht und nicht beklatscht. Diese negative Bestandsaufnahme löst ein diffuses Gefühl des Unbehagens aus. 

Manch einer hat vielleicht auch die Gelegenheit genutzt, den Zeitaufwand für dieses Hobby zu hinterfragen, andere wissen dafür umso mehr, was gefehlt hat. Das Theater ist und bleibt lebendig, flexibel und vor allem geduldig. Denn wer den Theatervirus hat, kriegt ihn nicht so leicht weg.  

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Amateur-Theaterszene könnte man als echtes Trauerspiel begreifen. Unzählige Theater-Vorstellungen, die nicht gespielt worden sind. All die nicht verwirklichten Handlungen, die damit verbunden sind und das Entstehen eines Theaterstückes bedingen; minutiöse Koordination und Planung, grenzgeniale Regieeinfälle, in stundenlanger Kleinstarbeit genähte Kostüme, aufwendig konzipierte Bühnenbilder, hart erarbeitete Rollen, akribisch erstellte Jahresprogramme, fulminante Technikkonzepte. Zu diesem Scherbenhaufen gesellten sich der niemals erklungene Applaus, die unausgelösten Emotionen und all die Funken, die nicht auf das Publikum überspringen durften. Und dabei wurde etwas Wesentliches noch gar nicht erfasst: das scheinbar zum Erliegen gekommene Vereinswesen.

Ein Theaterverein wird weitgehend als Konglomerat von Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Gesellschaftsschichten, unterschiedlicher Weltanschauungen und unterschiedlicher Temperamente begriffen, die über Monate hinweg – aller Unterschiede zum Trotz durch eine große Leidenschaft geeint – auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten: die Umsetzung eines Theaterstücks, das am Tag der Premiere erstmals den kritischen Augen der Öffentlichkeit preisgegeben wird. Ein Veranstaltungsverbot und der Appell zur Reduktion sozialer Kontakte eliminieren dieses Vorhaben.  Was fangen die zur Untätigkeit verurteilten Vereinsmitglieder mit all der gewonnenen Freizeit an? Die lange „Abstinenz“ kann sicherlich dazu führen, sich einem neuen Hobby zuzuwenden und sich auch vorzunehmen, nicht mehr so viel Zeit für die Arbeit im Kulturbereich aufzubringen. So manch bisher begeistertes Mitglied sucht während des Lockdowns nach anderen kreativen Freizeitgestaltungen, übt sich in Aktivitäten, welche schon lange im Wollen, jedoch aufgrund mangelnder Zeit nicht in Taten verankert waren. Kommen Theatervereine landauf, landab eventuell in existentielle Bedrängnis, weil Mitglieder abwandern? Oder reicht es, auf den Zeitraum nach der Pandemie zu setzen und auf die große Sehnsucht der Mitglieder, wieder Bühnenmagie zu versprühen? Was erwartet Theaterschaffende nach dem Stillstand, nach der Krise? Die Antworten auf all diese Fragen sind noch nicht geschrieben. „Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber diese ist die unsere.“ Dieses Zitat aus der Feder Jean-Paul Sartres verweist einerseits auf den Umstand, dass wir der Gegenwart unausweichlich ausgesetzt sind, zum anderen aber auch darauf, dass uns das Hier und Jetzt die einzige Möglichkeit bietet, uns als Menschen selbst zu entfalten, tätig zu werden, unsere Umwelt zu gestalten.

Die bunte Vielfalt des Theaters

Theatervereine nur als Veranstaltungsmaschinerien zu sehen – gerade im Amateurbereich – ist der falsche Ansatz. Weder der Themenkomplex Theater noch das Vereinswesen erschöpfen sich in der Produktion öffentlicher Vorführungen. Soziales Miteinander und Theater finden eben nicht nur auf der Bühne oder in dicht gedrängten Vereinslokalen statt, sondern zu einem beträchtlichen Teil auch abseits der Bühne, im digitalen Raum und in unseren Köpfen; und das ist auch unter diesen Umständen möglich. Dabei ist es ganz einerlei, ob man nun der Frage nachgeht, was es  gleich nochmal mit diesem Stanislawski auf sich hat, Theatertraditionen aus aller Welt ergründet oder in der Vereins-Chronik stöbert, ob man Telefonate mit alleinstehenden Vereinsmitgliedern führt oder Einkäufe für sie erledigt, Aufnahmen alter Theatervorstellungen digitalisiert oder den Fundus katalogisiert, ob man selber Stücke schreibt, Online-Lesungen organisiert oder verbrauchte Reserven auffüllt; auch in vielbeschworenen „Zeiten wie diesen“ bietet ein Theaterverein umtriebigen Geistern einen bunten Strauß an Betätigungsfeldern. Der vermeintliche Stillstand muss nicht als solcher hingenommen werden.

Freilich wäre es naiv, diese Pandemie zu einer Chance hochstilisieren zu wollen, die man lediglich beherzt ergreifen muss; die strengen Restriktionen und ihre Folgen werden sich voraussichtlich tief die Kulturlandschaft einfräsen und die Menschen, die diese kultivieren, vermutlich nachhaltig verändern. Die Vorhänge auf den Bühnen Österreichs werden aber bald wieder gelüftet werden. Darstellende, Mitwirkende und Publikum werden wieder tief einatmen, um ihre Lungen mit Theaterluft zu füllen – und das so bewusst und intensiv wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Großteil der ehrenamtlich tätigen Theatermenschen wird sich „nach Corona“ wieder voller Tatendrang mit Begeisterung ins kulturelle Leben stürzen. Und jene Mitglieder, die neue Wege für sich gefunden haben, werden sicherlich auch bald wieder den Pfad in die Theaterlandschaft suchen. Denn gegen den „Theatervirus“ gibt es keine Impfung, hoffentlich aber bald gegen Corona.



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