„Viele schöne Erinnerungen“

Veröffentlicht von Mona Egger-Grabher am in Blog


Die Legende des Vorarlberger Amateurtheaters nimmt Abschied.
Dagmar Ullmann-Bautz hat 35 Jahre für das Amateurtheater in Vorarlberg gearbeitet. Der Zeitschrift des Landesverbandes Amateurtheater OÖ „im blick.punkt“ gab sie ein ausführliches Interview. 

Blickpunkt: Liebe Dagmar, was war dein erster Kontakt mit Theater?
Dagmar: Mein erster Kontakt geschah eigentlich relativ spät. Ich war 13 oder 14 Jahre alt, als das Jugendzentrum DOCK in Hard eröffnet wurde. Dort wurde Theaterspielen angeboten. Das wollte ich probieren und bekam in der Produktion „Mord im Orientexpress“ meine erste Rolle –  in sehr dicker Kunsthändler, der mit Bildern von P.P. Rubens handelte. Hat riesigen Spaß gemacht. Damals hat mich das Theaterfieber gepackt. Mein großes Glück war die Regisseurin der zweiten Produktion, Marlene Vetter wurde meine „Theatermutter“. Sie hat mich begleitet und gefördert. In ihrer Zeit als Obfrau des Landesverbandes Vorarlberg, Ende der 80er Jahre, hat sie den Aufbau der Geschäftsstelle initiiert und hat mich zuerst als Beirat für Jugendtheater und dann als Geschäftsführerin in den Verband geholt.

Blickpunkt: Wie du dann begonnen hast, als GF hast du dann auch noch spielen können, oder waren das nur mehr organisatorisch Tätigkeiten?
Dagmar:
Gespielt habe ich nur die ersten Jahre und dann das Inszenieren für mich entdeckt. Noch vor meiner Anstellung als GF, habe ich die 3-Jahre-SpielleiterInnen-Ausbildung gemacht, die damals erstmalig vom ÖBV Theater angeboten wurde. Seither inszeniere ich regelmäßig mit großer Freude.

Blickpunkt: Was gefällt dir am meisten bei der Theaterarbeit?
Dagmar: Es ist einfach die Arbeit mit Menschen. Ich habe als Regisseurin ja mit der Jugendtheaterarbeit begonnen, habe mit Jugendlichen gearbeitet, die am Rande der Gesellschaft gestanden sind – Punks, Drogensüchtige, Jugendliche die große Probleme hatten. Theater in der offenen Jugendarbeit – dort habe ich erlebt, was Theaterarbeit bewirken kann. Es hat mich wahnsinnig fasziniert, wie sich diese jungen Menschen in der Theaterarbeit entwickelt haben. Mein künstlerischer Anspruch wurde mit den Jahren immer größer und auch die Neugierde neue Wege zu beschreiten. Mich faszinieren die unglaublich vielen Möglichkeiten im Theater Geschichten zu erzählen.

Blickpunkt: Gab es bei der Arbeit mit den Jugendlichen auch schwierige Situationen?
Dagmar: Klar war es immer wieder schwierig, die Jugendlichen zu motivieren und auch die Zuverlässigkeit war manchmal eine große Herausforderung. Aber was da zurückgekommen ist, hat jede Schwierigkeit aufgewogen. Gegen jeden Ratschlag bin ich mit den Jugendlichen auch immer wieder auf Festivals gefahren. Die Punks hatten damals Ratten als Haustiere, die haben sie auf den Schultern rumgetragen und die mussten natürlich mit auf die Bühne und auch mit zu den Festivals. Du kannst dir vorstellen, dass die Hotels nicht gerade erfreut waren, dass wir Ratten als Gäste mitgebracht haben. Die Kids haben sich umso mehr gefreut. Einmal habe ich mit drogensüchtigen Mädchen, die gerade auf Entzug waren, einen Film gedreht. Die strahlenden Gesichter der Mädchen bei der Filmpremiere, die stolzen Eltern, diesen Abend werde ich niemals vergessen.

Blickpunkt: Was würdest du sagen, warum braucht man einen Amateurtheaterlandesverband. Es findet ja Theater auch ohne Verband statt.
Dagmar: Ich glaube, dass die Gruppen die Verbandsarbeit sehr schätzen. Natürlich gibt es auch Gruppen, die ohne Verband auskommen. Der Großteil der Gruppen jedoch schätzt die Unterstützung in allen Bereichen: die Verbände helfen bei der Suche nach besonderen Stücken, bei den Aufführungsrechten, bei der Werbung, den Kontakten zu den Medien, bei rechtlichen Fragen, bei technischen Problemen und beim Networking. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit war immer das Zusammenbringen der Theatergruppen. Möglichkeiten zu bieten, wo sich Gruppen treffen, sich austauschen, gemeinsam Theater sehen und darüber reden können. Dadurch sind Freundschaften zwischen den Gruppen entstanden. Gegenseitige Besuche, gegenseitiger Austausch war und ist sehr wichtig für eine lebendige Amateurtheaterszene.

Blickpunkt: In welcher Form haben diese Treffen stattgefunden?
Dagmar:  Wir haben damit begonnen landesweite Veranstaltungen wie die „Theaternacht“ oder „Theater grenzenlos“ anzubieten. Bei diesen Gelegenheiten haben sich die Gruppen kennengelernt. Eine weitere sehr wichtige Aufgabe der Verbände ist die Aus- und Weiterbildung der Theatergruppen. Alle Vorarlberger Theatergruppen sind Mitglied beim LVA, das sind zwischen 62 und 65 Gruppen, dazu kommen noch an die 30 bis 40 Schultheatergruppen, die wir betreuen. Vor einigen Jahren haben wir das Projekt Schultheatercoaches gestartet, das bis heute sehr gut angenommen wird. Zwei Schultheatercoaches sind in den Schulen unterwegs und unterstützen die Schultheatergruppen bei ihren Inszenierungen. Außerdem bieten sie auch Theaterkurse für Lehrpersonen an. Viel Unterstützung der Verbände brauchen die Kinder- und Jugendtheatergruppen, sowie das Seniorentheater. Diese Gruppen müssen einfach speziell gefördert werden.

Blickpunkt: Die Kosten-Nutzen-Rechnung von Festivals wird immer wieder hinterfragt, da die Durchführungskosten relativ hoch sind. Wie ist deine Meinung dazu? 
Dagmar: Da gibt es nichts zu hinterfragen, Festivals sind essenziell, einfach unverzichtbar für die Amateurtheaterarbeit, ganz besonders die überregionalen und die internationalen Festivals. Sie erweitern unseren Horizont, lassen uns über unseren Tellerrand hinausschauen. Ob Gruppen daran teilnehmen oder sie selbst mit uns ein Festival organisieren, jede / jeder ist davon begeistert. Für mich war es daher immer wichtig Festivals durchzuführen, auch um den Gruppen, die nicht so viel reisen wollen, die Möglichkeit zu bieten, ein Festival zu besuchen. Für die austragende Gruppe ist so eine Veranstaltung immer ein riesengroßes Erlebnis, das sie stärkt und meist auch noch einen kleinen finanziellen Gewinn bringt. Ich bin absoluter Festivalfan!

Blickpunkt: Ist bei dir ein Festival besonders in Erinnerung geblieben? 
Dagmar: Ich habe so viele schöne Erinnerungen. Sehr gern denke ich immer wieder an mein erstes internationales Jugendtheaterfestival in Bregenz. Es begann mit einer Katastrophe.14 Tage vor Festivalbeginn ist die Halle, der Veranstaltungsort, wo das Festival stattfinden sollte, abgebrannt. Ganz unkompliziert sind die Bregenzer Festspiele mit ihren Veranstaltungsräumen eingesprungen. Am Tag vor dem Festival wurde durch ein Gewitter mit Starkregen das Zelt zerstört, in dem wir die Jugendlichen unterbringen wollten. Zwei Bregenzer Hotels sind spontan mit Unterkünften eingesprungen. Es wurden wunderbare und erfolgreiche Tage! Oder die erste Theaternacht in Bizau – wir hatten für 50 Personen Frühstück eingekauft. Wir wussten ja nicht, wie viele die ganze Nacht durchhalten halten würden. Gekommen und geblieben sind aber fast 300. Da ist der Konsumleiter am Sonntag in der Früh um 5h aufgestanden, um uns mit Frühstück zu versorgen. Und natürlich „Strawanz“, das letzte internationale Festival, wo das ganze Tal, alle Theatergruppen mitgearbeitet haben. Das sind einfach großartige Erlebnisse. Zusammenhalt! Gemeinsam etwas bewirken!

Blickpunkt: Wie geht’s dir den jetzt mit der Pension, geht dir schon irgendetwas ab?
Dagmar: Das ist im Moment schwierig zu sagen, da uns Corona ja schon länger ziemlich blockiert. Aber ich freue mich schon riesig, dass ich in Zukunft mehr künstlerisch und weniger organisatorisch arbeiten werde. Derzeit bin ich in Vorbereitung von zwei Produktionen fürs nächste Jahr.

Blickpunkt:  Was liegt dir noch am Herzen? Was wünscht du dir zukünftig vom Amateurtheater?
Dagmar: Mein Wunsch ist, dass mehr Gruppen den Mut haben, Neues auszuprobieren, etwas zu wagen. Und auch wenn man dabei mal scheitert, gibt uns das die Chance uns weiter zu entwickeln. Ich wünsche mir, dass alle Amateurtheaterleute sich aus- und weiterbilden. Musiker*innen müssen ein Instrument lernen. Und auch das Theater machen ist ein Handwerk, das gelernt werden muss.

Blickpunkt: Du hast dich mit deiner großen Theatererfahrung auch sehr bei unserem Dachverband ÖBV Theater eingebracht. Hast du da Erinnerungen?
Dagmar: Ich habe viele schöne und lustige Erinnerungen an die Treffen mit den Kolleg*innen, an viele spannende und auch hitzige Diskussionen, an inhaltliche und auch strukturelle Auseinandersetzungen, an die langen Abende, an denen wir zusammen gefeiert und gesungen haben. Ich habe in den ersten Jahren und auch später unheimlich viel gelernt – für meine GF-Tätigkeit und auch als Regisseurin. Über viele Jahre war Ed Hauswirth aus der Steiermark ein wichtiger Gesprächspartner für mich. Und klar, als Vorarlbergerin waren die Treffen in den Städten Wien, Graz, Linz … immer ein Highlight für mich.

Blickpunkt: Rückblickend auf deine Theaterarbeit würdest du etwas anders machen?
Dagmar: Ich blicke sehr zufrieden zurück, besser kann man Dinge immer machen, keine Frage. Es hat das eine oder andere zwischenmenschliche Problem gegeben, das herausfordernd war. Vielleicht würde ich das nächste Mal am Anfang meiner Tätigkeit einen Kurs in Kommunikation belegen. Aber ich denke doch, dass es im Großen und Ganzen gut gelaufen ist. Vieles haben wir erreicht, großartige Projekte auf den Weg gebracht, aber auch manches in den Sand gesetzt und daraus gelernt. Das gehört doch dazu, wenn man Neues ausprobiert. Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar für die vielen schönen, spannenden und herausfordernden Jahre!

Blickpunkt: Liebe Dagmar, danke für deine Zeit, für das Interview und alles Gute für die Zukunft!

 

 

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